Gesunde Ernährung sollte kein Statussymbol werden
Background zur Nestlé Zukunftsstudie „Was is(s)t Deutschland 2040”
Warum Vorsorge, Longevity und Selbstoptimierung unseren Umgang mit Ernährung verändern – und weshalb Genuss und Gemeinschaft dabei wichtiger werden könnten, denn je.
Von Alexandra von Cukrowicz, Head of Bonsai LabAlexandra von Cukrowicz, Head of Bonsai Lab
Wer heute über Gesundheit spricht, nimmt eigentlich immer ein Buzzword in den Mund: Longevity. Gemeint ist nicht einfach, möglichst alt zu werden. Es geht um den Wunsch, die gewonnenen Jahre möglichst gesund, beweglich, leistungsfähig und selbstbestimmt zu erleben. Gesundheit wird damit zunehmend vom Reparaturbetrieb zum Lebensentwurf.
Mit dieser Entwicklung haben wir uns in den letzten Monaten im Rahmen der Nestlé-Zukunftsstudie „Wie is(s)t Deutschland 2040?“ sehr dezidiert auseinandergesetzt – sie berührt mich auch persönlich.
Als Jugendliche habe ich Kalorien gezählt – handschriftlich, akribisch und mit einem klaren Ziel: bloß nicht zunehmen. Damals gab es weder Ernährungs-Apps noch Wearables, keine Social-Media-Feeds voller vermeintlich perfekter Körper und keine tägliche Flut an Tipps zur Selbstoptimierung. Und trotzdem war der Schritt von einem vermeintlich gesunden Bewusstsein zu einem problematischen Kontrollverhalten erschreckend klein.
Heute frage ich mich, wie sich diese Erfahrung unter den Bedingungen unserer Gegenwart entwickelt hätte. Nicht nur, weil neue Technologien oder Gesundheitsangebote das Tracking so viel einfacher machen. Sondern auch, weil sich der gesellschaftliche Blick auf Gesundheit verändert hat: Wir wissen mehr über Ernährung, Bewegung und Prävention als je zuvor. Zugleich wächst die Erwartung, dieses Wissen auch konsequent in das eigene Leben zu übersetzen.
Gesundheit wird damit immer stärker zu einer individuellen Aufgabe – und bisweilen zu einer individuellen Verpflichtung. Wer informiert ist, soll vorsorgen. Wer Daten hat, soll sie nutzen. Wer Wahlmöglichkeiten hat, soll die „richtigen“ Entscheidungen treffen. Das kann ermächtigen. Es kann Menschen helfen, die eigenen Bedürfnisse besser zu verstehen und frühzeitig etwas für ihr Wohlbefinden zu tun. Doch es kann auch Druck erzeugen: den Druck, den eigenen Körper permanent zu beobachten, zu bewerten und zu verbessern.
„Die Zukunft der Ernährung darf individueller und präventiver werden. Aber sie sollte nicht zu einem endlosen Selbstoptimierungsprogramm geraten”
In der Zukunftsstudie „Wie is(s)t Deutschland 2040?“ zeigt sich diese Ambivalenz deutlich. Im Zukunftsbild „Preventive Health“ wird Gesundheit zum Kompass: Menschen richten ihre Ernährung gezielt an ihren individuellen Bedürfnissen aus und verstehen Vorsorge als selbstverständlichen Teil ihres Alltags. Im Szenario „Bio-Hacking“ wird diese Entwicklung weiter zugespitzt. Ernährung wird dort zum Werkzeug, um körperliche und mentale Leistungsfähigkeit zu optimieren.
Beide Zukunftsbilder sind plausibel. Und beide werfen eine gesellschaftliche Frage auf, die über Ernährung weit hinausgeht: Was passiert, wenn Gesundheit zunehmend als persönliches Projekt verstanden wird?
Denn nicht alle Menschen verfügen über dieselben Voraussetzungen für dieses Projekt. Zeit für frisches Kochen, Geld für hochwertige Lebensmittel, Zugang zu Vorsorge, Wissen über Ernährung oder schlicht die mentale Energie, sich täglich mit dem eigenen Körper auseinanderzusetzen, sind ungleich verteilt. Wenn Gesundheit zum Statussymbol wird, darf sie nicht zugleich zu einer moralischen Messlatte werden. Wer krank ist, erschöpft ist oder nicht den vermeintlich „optimalen“ Lebensstil verfolgt, hat nicht versagt.
Gerade deshalb ist ein weiteres Ergebnis der Studie so wichtig: Essen bleibt für die große Mehrheit der Menschen vor allem Genuss und Gemeinschaft. 92 Prozent der Befragten bezeichnen Essen als wichtige Quelle von Genuss. 81 Prozent sagen, Essen sei am schönsten mit anderen. Diese Zahlen sind keine nostalgische Gegenbewegung zur Vorsorge. Sie erinnern uns vielmehr daran, worum es bei Ernährung letztlich geht: nicht nur um Nährwerte, Prävention und Leistungsfähigkeit, sondern auch um Zugehörigkeit, Kultur, Entlastung und Lebensqualität.
Die Zukunft der Ernährung darf individueller und präventiver werden. Aber sie sollte nicht zu einem endlosen Selbstoptimierungsprogramm geraten. Ein gutes, gesundes Leben entsteht nicht allein durch Disziplin und die richtige Entscheidung auf dem Teller. Es entsteht auch durch soziale Sicherheit, Zeit, Beziehungen und die Möglichkeit, Essen einfach genießen zu können – gemeinsam mit anderen.